Die Welt von George und Liz Baker
George und Liz Baker, ein Ehepaar in seinen Fünfzigern, verbringt seinen frühen Lebensabend im ländlichen Yorkshire des ausgehenden 19. Jahrhunderts, genauer: in der verschlafenen Baronie Lister, die nur aus den drei winzigen Ortschaften Upper Leisure, Minor Leisure und Little Slumber sowie aus vereinzelten Gehöften zwischen diesen und um ihnen herum besteht.
Das Leben der Bevölkerung ist von der Landwirtschaft geprägt, von einfacher und ehrlicher, aber eben auch von harter körperlicher Arbeit. Die Industrialisierung hat es noch nicht vermocht, bis auf das Land vorzudringen. Maschinen erleichtern die Arbeit kaum. Der überwiegende Teil der Menschen, die in der Baronie Lister leben, sind Kleinbauern oder Viehzüchter. Hinzu kommen Knechte, Mägde und Hirten, die auf den wenigen größeren Höfen arbeiten, und einige wenige Menschen, die es vermocht haben, sich auf dem Land zu spezialisieren: der Wirt des einzigen Pubs, der örtliche Fleischer, eine Näherin oder der Krämer.
Die Menschen leben bescheiden, aber sie kommen, in der Regel, zurecht. Kaum jemand nennt ein größeres Vermögen sein Eigen, benötigt es aber auch nicht, sofern er sich in die Umstände fügt. Die Landbevölkerung achtet die Tradition und geht in die Kirche. Die Menschen stehen füreinander ein, sind jedoch reserviert gegenüber Fremden. Die Kirche, das örtliche Pub und der Gemeindesaal bilden die Hauptorte des gesellschaftlichen Lebens.
Das einfache Volk vertraut Autoritäten nicht blind, insbesondere nicht denen des Staates, der ihm zumeist nur abstrakt begegnet, doch das Wort des Barons gilt - des maßgeblichen Pachtgebers, der es in der Hand hat, das Dasein der Menschen erträglicher zu machen. Mündliche Überlieferung in Form von Mären, Balladen und Liedern, deren Vortrag Momente des Beisammenseins begleitet, bildet das Fundament des kollektiven Gedächtnisses der Gemeinschaft.
So bildet die betuliche Baronie Lister einen Gegenpol zur pulsierenden Metropole London, der George und Liz bewusst den Rücken gekehrt haben. Sie ist mit 6,7 Millionen Einwohnern zur Jahrhundertwende die größte Stadt der Welt und ein Ort der Extreme und sozialer Spannungen, an dem bittere Armut auf beinahe unvorstellbaren Reichtum, kärgliche Lebensbedingungen auf überbordenden Luxus, die gärende Unzufriedenheit und sogar Verzweiflung der Unterschicht auf die fast schon unerträgliche Selbstgewissheit des Großbürgertums und des Adels treffen.
Stadteile wie das aristokratisch-elegante Belgravia und das überbevölkerte, düstere Whitechapel mit seiner ausufernden Kriminalität trennen Welten. Dabei sind sie noch nicht einmal 10 Kilometer voneinander entfernt.
Zwischen Ober- und Unterschicht bewegt sich, in sozial durchmischten Stadtteilen wie Pimlico, die bürgerliche Mittelschicht, die weiter nach oben strebt, doch jederzeit Gefahr läuft, den bescheidenen Wohlstand, den sie sich erarbeitet hat, wieder zu verlieren. Gerade dieses Millieu findet Rückhalt im viktorianischen Fortschrittsglauben und ist getrieben vom Aufstiegswillen. Seine Mitglieder sind gekennzeichnet durch einen kaum reflektierten Stolz auf Empire und Krone sowie durch eine kühle Selbstverständlichkeit in der Pflichterfüllung.
Irgendwo dazwischen - zwischen Mittelalter und Moderne - liegt York: Mittelalterliche Bauten, enge Gassen und natürlich York Minster prägen sein Erscheinungsbild. Dazwischen aber verweisen moderne Verwaltungsgebäude wie das Lendal Post Office, die York Railway Station als bedeutender Verkehrsknotenpunkt, Straßenbeleuchtung, ein gut entwickelter Kleinhandel und ein starkes Handwerk auf die Rolle der Stadt als nicht nur religiöses, sondern auch politisches, kulturelles und ökonomisches Zentrum im Norden Englands.
Der langen und durchaus nicht unblutigen Geschichte Yorks mag es geschuldet sein, dass es als die am stärksten von Geistern heimgesuchte Stadt Englands gilt.
Ähnlich gegensätzlich zeigt sich zur Jahrhundertwende die Hafenstadt Whitby, die durch Gemäuer wie die Ruine der Whitby Abbey und durch den Friedhof St. Mary’s als ideale Kulisse für Schauerliteratur erscheint. Nicht von ungefähr lässt Bram Stoker einen Teil seines Romans Dracula in der kleinen Küstenstadt spielen. Als George Baker nach Whitby kommt, hat die Wandlung des Fischerorts zum Seebad, dessen salzige Luft und eisenhaltige Quellen Kurgäste anlocken, gerade erst begonnen.