Fakten und Fiktionen
"Tödlicher Adel" ist frei erfunden. Die Baronie Lister hat nie existiert und existiert nicht - leider. Doch spiegelt sie bestimmte Sehnsüchte. Wer wünscht sich nicht von Zeit zu Zeit eine Zuflucht, in der er sich vor der "modernen" Welt mit all ihren Zwängen, Zumutungen und Unerfreulichkeiten verstecken kann? Einen Ort, an dem das Leben nicht so kompliziert ist, sondern im Gegenteil auf wunderbare Weise überschaubar?
Gleiches gilt für alle Figuren, welche die Handlung dieses Buches vorantreiben. George, Liz und all die anderen haben nie gelebt. Ähnlichkeiten zwischen ihnen und lebenden oder toten Personen sind rein zufällig - und so weiter, und so fort. Aber können wir uns nicht vorstellen, dass es Menschen wie sie gegeben hat? Das Aussteigerpärchen, das der Steifheit und dem Leistungsdruck der modernen Zivilisation entflieht, der kundige, pragmatische Arzt, der um seine Schäfchen besorgte Pfarrer, der steife Offizier, das liebenswerte, leider nicht sonderlich gebildete Dienstmädchen?
So oder so: "Tödlicher Adel" enthält auch einiges an Wahrem - oder besser: an solchem, was heute als historisch belegt gelten kann.
Das Duke of Wellington's Regiment, dem George und auch Colonel Roger Morstone im Buch die Ehre hatten, anzugehören, gab es wirklich. Es hat im Spanischen und im Österreichischen Erbfolgekrieg gekämpft, im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, in den Kolonien, gegen Napoleon, gegen die Buren, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, in Afghanistan (nämlich 1919), in Korea, auf Britisch-Zypern (1956), im Nordirlandkonflikt und im Zweiten Golfkrieg. Im Jahr 2006 wurde es mit dem Prince of Wales's Own Regiment of Yorkshire und dem Alexandra, Princess of Wales's Own Yorkshire Regiment, den "Green Howards", zum Royal Yorkshire Regiment zusammengelegt.
Sherrinford Hall, das Internat für die Töchter der feineren Gesellschaft, an dem Liz gewirkt haben soll, ist hingegen frei erfunden und trägt den Namen, den sich Arthur Conan Doyle zunächst für seinen Meisterdetektiv überlegt hatte, bevor er sich für Sherlock entschied. Doch Mädcheninternate für die weiblichen Abkommen der besser situierten Kreise gab es und gibt es natürlich - und dies nicht nur in Großbritannien.
Die Schlacht von Brandywine, der die Morstones den Aufstieg in die Peerage verdankten, wurde am 11. September 1777 in Pennsylvania ausgefochten, übrigens nicht nur unter Beteiligung eines Sir Thomas Musgrave, seinerzeit Lieutenant Colonel, sondern auch von Soldaten aus der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Der britisch-hessische Sieg bereitete die Einnahme von Philadelphia durch die Briten vor.
König Georg III. ("Farmer George"), Königin Viktorias Großvater, litt in der zweiten Hälfte seiner Herrschaft tatsächlich an einer psychischen Erkrankung, die vielleicht auf eine Porphyrie, eine Störung des Stoffwechsels, zurückzuführen ist, oder bei der es sich um eine bipolare Störung gehandelt haben mag.
Der spanisch-amerikanische Krieg dauerte nur vom 23. April bis zum 12. August 1898 und folgte auf die Explosion des Kriegsschiffs USS Maine im Hafen von Havanna am 15. Februar, die seinerzeit von der amerikanischen Öffentlichkeit als Folge eines Anschlags gesehen wurde, aber wohl doch ein Unfall war. So kurz dieser erste überseeische Konflikt der Vereinigten Staaten auch war: Er besiegelte das Ende des jahrhundertealten spanischen Weltreichs und läutete den Aufstieg der USA zur global agierenden Großmacht ein, die kühl ihre Einflusssphären absteckt und verteidigt, notfalls mit Waffengewalt. Der 45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten bezieht sich sicher nicht von ungefähr bisweilen auf seinen Vorgänger, den 25. US-Präsidenten William McKinley, Jr., einem Verfechter des Goldstandards und von Schutzzöllen, unter dem sich die Vereinigten Staaten zur Kolonialmacht wandelten und die USA und Großbritannien nach den vorausgegangenen Spannungen enger zusammenrückten. Politische Strategen in anderen Weltteilen, nicht zuletzt Europa, wären vielleicht nicht schlecht beraten, diese Verbindung im Blick zu behalten.
Das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. zog während des spanisch-amerikanischen Krieges einen starken Verband aus Kriegsschiffen zusammen und stationierte diesen vorübergehend in der Bucht von Manila, obwohl die Amerikaner den Hafen von Manila blockiert hatten. Zu Kampfhandlungen der Deutschen mit den US-amerikanischen Kräften kam es nicht, aber das deutsch-amerikanische Verhältnis war seit diesem so genannten "Manila-Zwischenfall" eingetrübt. Wichtiger als die äußerlich demonstrierte Solidarität mit dem spanischen Thron war den Deutschen freilich die Wahrung eigener kolonialer Interessen. Immerhin hatte das Reich erst im März 1898 China dazu gezwungen, ihm auf der Shandong-Halbinsel das Gebiet Kiautschou mit der Hauptstadt Tsingtao zu verpachten.
Georges zugegebener Maßen antiquierte und etwas exzentrische Waffe, der inklusive einer Schrotladung 10-schüssige LeMat-Perkussionsrevolver, wurde tatsächlich im amerikanischen Bürgerkrieg von den Konföderierten und möglicherweise hernach auch im deutsch-französischen Krieg (1870/71) von den Franzosen verwendet. Entworfen durch Colonel Dr. Jean Alexandre Francois LeMat und General Pierre Gustave Toutant Beauregard, wurde er in Europa gefertigt. Anders als sein letztlich erfolgreicher Gebrauch durch George vermuten lässt, war der LeMat nicht sonderlich zuverlässig, nicht gerade bedienungsfreundlich und hatte insgesamt keinen übermäßig hohen Kampfwert. Wenn man im amerikanischen Bürgerkrieg vom berühmten Henry-Gewehr, das Karl May zum "Henrystutzen" Old Shatterhands inspiriert haben mag, sagte, man lade es am Sonntag und könne dann die ganze Woche über schießen, so galt für den LeMat eher, dass man mit ihm schoss, um im Anschluss erst einmal sehr lange mit Laden beschäftigt zu sein. Aber wie sein wiederkehrender Auftritt in Literatur, Westernfilmen und Computerspielen belegt, übt der LeMat auf die Fantasie von Waffenbegeisterten aufgrund seines außergewöhnlichen Designs bis heute eine beträchtliche Wirkung aus.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs lag ein Kriegseintritt Großbritanniens an der Seite der Konföderierten gerade zu Beginn des Konflikts tatsächlich im Bereich des Möglichen: Zwar erklärte das Königreich im Mai 1861 seine Neutralität (was immerhin eine Anerkennung der CSA, der Konföderierten Staaten von Amerika, als kriegführende Partei darstellte), aber im November desselben Jahres brachte, sehr zur Verärgerung der Briten, die USS San Jacinto das britische Postschiff Trent auf, und die US-Amerikaner verhafteten die an Bord befindlichen konföderierten Politiker James Murray Mason und John Slidell, die für den Fall der Anerkennung der CSA Botschafter in London und Paris hätten werden sollen. Auch exportierten die Konföderierten keine Baumwolle mehr in der Hoffnung, hierdurch das von dieser abhängige Großbritannien an ihre Seite zwingen zu können. In britischen Werften wurden derweil Kaperschiffe für die konföderierte Kriegsmarine gebaut und ausgerüstet. Das berühmteste unter ihnen, die CSS Alabama, gab dem Streit um britische Reparationszahlungen an die USA nach dem Ende des Bürgerkriegs den Namen: "Alabama Claims".
Die historischen Figuren, die den Hintergrund von "Tödlicher Adel" bevölkern, haben gelebt, und es lohnt sich, einen Blick auf ihre Biographien zu werfen, auch wenn dies hier nicht zu leisten ist.
Das gilt natürlich für Otto von Bismarck, der 1890 das Amt des Kanzlers des Deutschen Reichs niederlegen musste und zu Beginn der Erzählung noch ein halbes Jahr zu leben hat. Es gilt aber auch für Michael Edward Hicks Beach, 1. Earl St. Aldwyn, von 1885 bis 1886 und wieder von 1895 bis 1902 Schatzkanzler im ersten und zweiten Kabinett Salisbury. Es gilt sicher für den "Erzimperialisten" und Kriegsminister zu Beginn des Ersten Weltkriegs Horatio Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener, aber auch für den konföderierten General Wade Hampton III., der nach dem Bürgerkrieg eine durchaus beachtliche politische Karriere begann, oder für Garnet Joseph Wolseley, 1. Viscount Wolseley, zuletzt Oberbefehlshaber der britischen Armee. Unerwähnt bleiben dürfen natürlich auch nicht die amerikanischen Pressemogule Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst sowie ihre britisch-irische Entsprechung Alfred Harmsworth.
Wer sich die Mühe macht, über diese hinaus auch die heute weniger prominenten Gestalten "im Bühnenbild" von "Tödlicher Adel" zu recherchieren, wird feststellen, dass auch sie reale Personen waren: Vikar Rupert Hugh Morris von der Pfarrkirche St Gabriel's am Londoner Warwick Square, der Glaskünstler Charles Eamer Kempe, der Parlamentarier James Pilkington, der Garter Principal King of Arms Sir Albert Woods, der Lord Chief Justice of England John Duke Coleridge, 1. Baron Coleridge, um nur einige der Namen zu nennen.
Zu guter Letzt: Ezra Dixon, der Wirt des Board Inn in York, ist eine fiktive Figur. Aber das Board Inn hat es gegeben, und Sie können es heute noch besuchen und dort ein Ale vom Fass trinken, allerdings heißt es nun in Anspielung auf die Geistergeschichte, die es umweht: "The Hole in the Wall".